Schoofseggl - ein Ländle Thriller

Leseprobe

 

Heilandsack! 

Am Ende des Tempolimits auf der A81 von Stuttgart in Richtung Süden, genau bei dem schwarzweißen Schild, das dem beherzten Fahrer Erlösung von der Qual der Langsamkeit signalisiert, senkt sich sein Fuß bleischwer auf das Gaspedal. 600 Newtonmeter Drehmoment und 457 PS fallen gnadenlos über die 255er Hinterräder her. Der V8-Motor röhrt heiser, in den oberen Drehzahlregionen steigert sich das zu einem wilden Stakkato. Die Tachonadel zieht entfesselt an der 200 vorbei und strebt dynamisch in höhere Bereiche. 

Im SWR3 läuft geile Musik, dann beginnen die Nachrichten und nach der ersten Meldung schreit er plötzlich „Heilandsack“, verreißt dabei das Lenkrad ein wenig und die Fuhre macht bei 220 Sachen einen Schlenker. 

Heilandsack ist ein schwäbischer Fluch, die verkürzte Form für Heiland, Sakrament – wörtlich etwa „Gott verdamme mich“. Das Sakrament darin weist angeblich auf eine unsichtbare Wirklichkeit Gottes hin.

Es ist nicht gesichert, dass Franz Walzer in seinem schwarzen Mercedes diese Definition bei der Anwendung des Fluchs so ganz genau bedacht hat. 

Der Lenkwinkelsensor des ESP seines C63 AMG T-Modells merkt sofort, dass da etwas gewaltig nicht stimmt, er erfasst die Gierrate, die Querbeschleunigung, die Drehzahlen der Räder und – weiß der Geier was noch alles – etwa 150-mal pro Sekunde. Bits zischen mit Lichtgeschwindigkeit durch die Kabellage dieses Karrens, eine digitale Orgie ohnegleichen läuft ab. Netterweise schickt das schlaue kleine System einen Bremsimpuls an das linke Vorderrad und nimmt die Leistung ein wenig zurück. Mein Gott, bei 457 PS ist das zu verschmerzen. Dann sind es eben temporär nur noch 300 PS. Das Auto stabilisiert sich sofort ganz sanft. Es lebe die Elektronik, dieser Reparaturmechanismus für menschliche Dummheit und Unzulänglichkeit.

Ihr verdankt der ehemalige Rechtsanwalt Franz Walzer jetzt, dass nichts passiert ist. Sein Puls jagt, die Hände sind feucht, er schnauft, steigt in die Eisen und erwischt gerade noch die Ausfahrt zum nächsten Parkplatz. 

Genau genommen sind es auch keine Eisen, sondern es ist die optionale Keramik-Bremsanlage. Die hält 1000 Grad aus, das braucht man ja. Kostet so um die 7000. Seine Freundin Lena hat ihn ja aus der großen S-Klasse in diesen Kleinwagen gezwungen. 

„Ich schäme mich in dieser Protzkiste.“ 

Doch für seine geliebte Lena aus Konstanz tut er alles. Aber dann wenigstens mit Keramikbremsen, darauf hatte er beim Kauf bestanden. 

Er steigt aus und geht ein paar Schritte hin und her. Ist ja immer sehr romantisch auf Autobahnparkplätzen. 

Der Text in den Nachrichten auf SWR3 lautete: 

Wie erst jetzt bekannt geworden ist, hat das Stuttgarter Landesfinanzministerium vor einigen Monaten eine Daten-CD des Schweizer Bankhauses Indermann angekauft. Darauf sollen sich Informationen über Schwarzgeldkonten von fast 1000 Steuerhinterziehern aus Baden-Württemberg befinden.

Er hat bis vor kurzem so ein Konto bei genau dieser Bank gehabt. Eine schöne Bank. Er ist immer gern bei der Filiale in Kreuzlingen gewesen. Kreuzlingen ist der schweizerische Nachbarort von Konstanz am Bodensee. Biedere Schalterhalle unten, Lift in die erste Etage und dort alles vom Feinsten. Die Damen und Herren wie aus dem Ei gepellt. Er war mit seiner einen „Kiste“, wie die dort zu einer Million sagen, in Kreuzlingen ein mittelkleiner Fisch. Es gab ärmere aber auch reichere. In Zürich hätten die ihm bei einer „Kiste“ gerade mal einen Kaffee spendiert, in Kreuzlingen gab es noch Gebäck und eine Champagnertrüffel dazu, aber nur eine. In Zürich ist man erst so ab zehn oder eher 20 „Kisten“ jemand. Da gibt es dann Einladungen ins Grandhotel Dolder, das jetzt „Dolder Grand“ heißt – warum auch immer – oder zu Weekends in London. 

Er ist lange nicht mehr bei der Bank in Kreuzlingen gewesen, denn er hat das Konto vor einem Jahr leer geräumt und gelöscht. Aber er weiß nicht hundertprozentig, ob auf der vom Finanzministerium angekauften CD seine Daten noch drauf sind. Man weiß nie genau, wie alt diese Daten sind.

Die Landesregierung in Baden-Württemberg hat immer gesagt, sie kaufe solche Daten nicht an, und jetzt machen sie es doch, empört er sich innerlich. Diese Lügner, diese dreckigen. Grüne und Sozis eben. Wollen das Geld von hart arbeitenden Leuten unter all den Faulen verteilen. Werden schon sehen, wer alles das Land verlässt. Dann haut er eben ab. 

Ach so, er ist ja schon abgehauen. Lebt jetzt in der Schweiz in der Nähe von Konstanz. Aber als er das Konto eröffnet hat, da lebte er noch in Konstanz. Heilandsack!

(…)

 

Heimwerker

Olli hat Kneller angerufen und der hat gesagt, er solle ruhig vorbeikommen. Im Puff bestaunt Olli wieder das schäbige Ambiente. Bei schummerigem Kunstlicht merkt man vermutlich nichts davon. Vor allem, wenn man einen im Tee hat und scharf auf Sex ist. Spitz wie Lumpi. Er muss grinsen. Er hat sich vorgenommen, den Kneller jetzt auch zu duzen. Sozusagen auf Augenhöhe zu sein.

„Wilfried, es wird immer schwieriger.“ 

Der sieht ihn erstaunt an.

„Erzähl.“ 

„Ich hatte 25 Übergaben. Die ersten gingen gut und zum Schluss wurde es immer schlimmer. Ich bin einmal verfolgt worden, weil die einen Tracker reingelegt haben, zweimal wurde meine Drohne von einer anderen verfolgt, einmal hat einer gesagt, er zahle nicht und er freue sich darauf, mit mir im Knast die Zelle zu teilen, und so weiter, und so weiter. Die Methode mit der Drohne hat sich rumgesprochen. Als Nächstes marschiert einer, der weniger als eine Million hinterzogen hat, zur Polizei, die kommen mit einem Helikopter und dann ist es aus. So geht es nicht weiter.“ 

Das hat er jetzt ziemlich entschieden vorgetragen. Und er haut noch einen raus:

„Schließlich habe ich die Methode erfunden und mache die ganze Arbeit.“ 

Ja, da hat der Olli wohl den falschen Nerv getroffen. Kneller steht auf und baut seine gut 1,90 vor ihm auf. Er schlägt ihm mit der Faust mitten ins Gesicht. 

„Du Drecksack, du elender. Wenn du so anfängst, dann machen wir mit dir etwas, was du noch nicht kennst.“

„Kneller, können wir nicht konstruktiv …“ Und schon hat er die Faust wieder drin. 

„Des isch konschtruktiv.“ 

Die zwei Gorillas kommen dazu. Der Krach hat sie vermutlich angelockt. Der eine zieht ihn aus dem Sessel hoch. Das ist ein Mann von mehr als 1,90 Größe mit minimal 100 Kilo Gewicht. Olli wiegt 70 Kilo. Er schleift ihn mühelos zwei Meter weiter und drückt ihn auf einen Stuhl. Olli steht unter Schock. Schnappt nach Luft. Das ganze Gesicht schmerzt. Er blutet im Gesicht. 

„Ja, Olli, das war erst der Anfang.“ 

Jetzt röchelt Olli. Die zwei Gorillas fesseln ihn mit Kabelbindern an die Armlehnen des Stuhls. 

„Tut ihm weh.“ 

Olli erstarrt, der kleinere Gorilla hat plötzlich ein Skalpell in der Hand. Er zieht ihm den Ärmel hoch, sticht ihm in den Arm und zieht das Skalpell etwa einen guten halben Zentimeter tief nach unten durch auf etwa drei Zentimeter Länge. Das Blut läuft, Ollis Atem geht stoßweise, er schreit. 

Ungerührt packt der kleinere eine Sprühdose aus, sprüht ihm ein Desinfektionsmittel drauf. Mit einem Tupfer wischt er das Blut weg, packt eine Wundkompresse drauf. Es scheint alles vorbereitet zu sein. Er wickelt den Verband fest. Das Ende wird mit Pflaster fixiert. 

„Wenn du versprichst zu spuren, kriegst du Drecksau eine Schmerztablette. Wenn nicht, dann machen wir das auf der anderen Seite auch noch, damit es symmetrisch ist. Wenn du gar nicht spurst, schneiden wir dir ein Stück von deinem Schwanz ab. Wenn du noch weniger spurst, entführen wir die Tochter deiner Schwester oder so was. Bürschchen, du siehst, dass wir Fantasie besitzen. Du hattest jetzt 25 Übergaben mit einem Volumen von 38 Millionen. Das hätte mir über sechs Millionen bringen müssen und du Pfeife hast gerade mal knapp fünf abgeliefert. Bescheißt du mich etwa?“ 

Kneller sieht ihn drohend an. 

Olli stammelt von den danebengegangenen Übergaben, von seinen Verfolgern mit den Drohnen, von dem Tracker. 

„Des isch mir scheißegal, du zahlsch, bis du schwarz wirrsch. Wenn das hier vorbei isch, fällt mir was Neues ein.“

Olli verlässt den Puff in einer Art Trance aus Schmerz und Entsetzen. Er steigt in sein Auto und fährt los. Er hat die Tablette bekommen. Die Schmerzen lassen langsam ein wenig nach. Er ist völlig verstört, fährt schnurstracks in Richtung Franziska, bis ihm sein Gehirn eine Vorsichtsmeldung durchgibt. Er biegt in den Hof eines Industriebetriebes ein, stoppt und schaut nach hinten. Es könnte ja sein, dass die Dreckskerle ihn verfolgen. Dann würden sie Franziska finden. Das muss ja nicht auch noch sein. Er steigt aus und untersucht das Auto gründlichst innen und außen. Ein GPS-Tracker hat ihm gelangt. Aber er findet nichts. Langsam und auf Schleichwegen fährt er zu Franziska und erzählt ihr alles. 

„O Mann, wie willst du je aus der Nummer rauskommen.“ 

Franziska ist geschockt. Olli sitzt da wie ein begossener Pudel. Und leider fällt ihnen zusammen auch nichts ein, außer weiterzumachen.

Olli hat schon wieder Schwierigkeiten. Von den nächsten zehn Übergaben gehen vier schief. In einem Fall hat er den Termin durcheinandergebracht, einer hat sich gesträubt, ein anderer hat einen Tracker angebracht und er musste ganz schnell verschwinden. Ein anderer hat ihm eine „Bild“-Zeitung in den Korb der Drohne gelegt. So bringt er dem Kneller nur etwas über eine Million. Der schnappt Olli, holt ihn rein. 

„Du griagsch eine kleine Pause. Wenn es dann nicht klappt, isch das Kind von Lisa dran.“ 

Mein Gott, jetzt kennt der seine Schwester schon beim Vornamen. Olli verlässt zitternd den Puff. Franziska erzählt er diesmal nichts davon. Das ist langsam zu viel für sie. Er muss neue Drohnen besorgen. Olli macht weiter. Er strengt sich an, sucht jetzt die mit den höheren Vermögen raus. Da geht es etwas schneller. So übersteht er weitere zwei Wochen.

Er schläft pro Nacht gerade mal vier bis fünf Stunden. Früher hat er sich ziemlich fit gehalten, ist im Sommer viel wandern gewesen, im Winter skifahren. Segeln hat ihm Spaß gemacht. Sein wöchentliches Laufpensum hat etwa bei viermal einer halben Stunde oder sogar mehr gelegen. Jetzt wird seine Kondition schlechter, seine Hände zittern permanent. Klar denken kann er auch nicht mehr. Er bewegt sich in einer Art Nebel.

„Olli, ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis auch du endlich merkst, dass du was unternehmen musst. Du schaffst das nicht. Aber du bist so ein sturer Kerl. Es nützt nichts, wenn man dir das sagt, es muss von dir selbst kommen. Momentan verschleppst du bloß alles“, stellt Franzi fest.

Bei dem nächsten Gang zu Kneller fehlen Olli 100.000 auf die Million. Kneller hat schon schlechte Laune, als er reinkommt. Olli kriegt eine sehr harte Backpfeife. Das scheint Kneller aber nicht auszureichen und daher schlägt er ihm mit der Faust noch mitten ins Gesicht. 

„Wirst sehen, was du davon hast.“ 

Olli schleicht nach Hause. Das ganze Gesicht ist voll Blut. Die Nase so merkwürdig locker. Blutgeschmack im Mund, die ganze Mundhöhle tut weh. 

Franziska schüttelt nur den Kopf. 

„Olli, wenn nicht bald was passiert, halte ich das nicht mehr aus. Ich kann dir nicht helfen, aber ich kann es auch nicht mehr mit ansehen. Ich habe mir schon überlegt, ob ich dich zwingen muss, dir Hilfe zu suchen. Dann geh’ halt zur Polizei.“

Es vergehen einige Tage, in denen Olli wie in Trance weitermacht, einfach nur eine Erpressung nach der anderen abspult. Er arbeitet mechanisch vor sich hin, denkt noch nicht mal darüber nach, wie es ihm geht. Täte er das, würde er merken, dass es ihm grauenhaft schlecht geht. 

Jetzt sitzt er in seiner Bude in Degerloch und baut die Einzelteile zusammen. Die Fernsteuerung wird angeschlossen, dann die zwei Drähte mit Lüsterklemmen mit den anderen beiden verbunden. So, jetzt sollte alles passen. Getestet hat er den Aufbau mit einer kleinen Ladung schon zweimal, hat schön gerummst. Mit dem, was jetzt drin ist, sollte es richtig knallen.

Einen Tag später liegt Olli auf dem Bauch auf einem Flachdach. Neben sich die Brille für die Steuerung der Drohne und ein Fernglas, hinter sich die Drohne, daneben noch einen Rucksack für das Kleinzeug. Für einen Alarmstart hat er das Seil dabei, es ist an einem soliden Metallteil auf dem Dach befestigt. Olli ist wieder mit gelbem Helm, gelber Schutzbrille wie Bono von U2, Blaumann und Schnauzbart unterwegs. Nur den Ranzen hat er weg gelassen. Sein Standort ist in Sichtweite von Knellers Puff. Er kann die Tür sehen und wartet. 

Das Dach hier hat er nach tagelanger Suche entdeckt. Es gehört zu einem unbenutzten ehemaligen Firmengebäude aus den 70er–Jahren, Druckerei oder so was. Irgendwann hat er in einer Nacht ein offenes Fenster entdeckt, durch das er reinkam. In der Nähe steht auch der Sprinter. Es ist jetzt drei Uhr nachmittags. Olli hat in den letzten Tagen festgestellt, dass Kneller seinen Laden montags und freitags jeweils am Nachmittag verlässt und mit seinem Bentley in die Innenstadt fährt. Was er da macht, konnte Olli nicht herausfinden, das ist ihm aber auch scheißegal. Heute ist sowieso die letzte Ausfahrt des Knallers angesagt. 

Nach etwa 90 Minuten wird die Tür geöffnet. Der Bordellchef tritt heraus. 

Die Drohne ist schon in der Luft, überquert das kleinere Gebäude vor dem Bau, auf dem Olli liegt, geht runter, nähert sich Kneller. Sie fliegt ihn in einem Winkel von 45 Grad schräg von oben an. Olli hat den Knopf für den Zünder am Dach genau neben sich mit Tape befestigt, er muss nur im entscheidenden Moment draufhauen, und schon explodiert der Sprengsatz, den er im Darknet gekauft hat. 

Die Drohne ist von Kneller jetzt noch 100 Meter entfernt. Er muss langsam machen, dass sie ihn auch trifft. Doch da, Kneller schaut nach oben, greift ohne jede Verzögerung an die Hüfte, holt einen Revolver raus, die Drohne ist ziemlich nah an ihm dran. Kneller zögert wieder nicht, das ist eine einzige fließende Bewegung, Hand an die Hüfte, ziehen und nach oben richten. Er schießt sofort und trifft, die Drohne neigt sich, schmiert ab. Olli haut auf den Auslöser, nichts passiert. Die Drohne fällt scheppernd zehn Meter von Kneller entfernt auf das Pflaster. Aus.

Keiner hat die Aktion gesehen, weiter hinten läuft ein Mann auf der Straße, dreht sich um, schaut und geht weiter. Olli weint. Er liegt schluchzend wie ein kleiner Junge auf dem Dach. Sein Handy klingelt. 

„Olli, du kommst jetzt gleich zu mir.“ 

Zehn Minuten später sitzt Olli im Puff auf dem Stuhl. Kneller ist überraschend milde. Stolz preist er seine Schießkünste. 

„Hasch des gsäha? Wie Wyatt Earp. Ja, Olli, Strafe muss sein.“ 

Die Gorillas schneiden mit einer Rasierklinge Olli in den anderen Arm, nur tiefer und länger als beim letzten Mal – er wird sofort ohnmächtig. 

Nach ein paar Minuten wacht er auf, schluckt die Schmerztabletten und trollt sich. Er holt den Sprinter, parkt ihn am gleichen Platz wie immer und fährt zu Franzi. Er kommt rein, sie nimmt ihn in die Arme. 

„Ich weiß nicht, was du vorhattest, aber du siehst schlecht aus.“ 

Olli erzählt und jetzt ist sie wirklich entsetzt. 

„Spinnst du?“ 

„Was soll ich denn machen?“ 

„Mann, Mut hast du ja, aber eher zu viel davon. Mannomannomann. Da hast du unendlich viel Glück gehabt. Der hat entweder nicht ganz begriffen, was du vorhattest, oder er war so erfreut über seine Schießkünste, dass du eine milde Strafe bekommen hast.“

„Franzi, irgendwas ist nach dem Anschlag mit mir passiert. Mir ist klar geworden, dass der Typ nicht allmächtig ist. Er hat noch nie so viel Geld verdient wie mit mir. Er ist von mir abhängig – nicht umgekehrt. Ich sitze am längeren Hebel. Das war heute das letzte Mal, dass ich mir was von ihm gefallen lassen habe. Ich werde gewinnen. Ich weiß bloß noch nicht, wie.“

Er schläft lange. Als er aufwacht, sieht er, dass Franzi die Augen schon auf hat und ihn ansieht.

„Olli, du rufst jetzt sofort diesen Walzer an.“

 

 

easyJet

Kneller sitzt im Puff. Er ist zornig, sehr zornig. Er erwartet unangenehmen Besuch. 

Zuerst hat er erkannt, dass es schlau ist, die Autobahn zwischen sich und den Ort der Abholung durch die Drohne zu legen. Das erschwert einem eventuellen Verfolger die Sache gewaltig. Für die kommenden Aktionen hat er dauerhaft einen Mercedes-Sprinter angemietet. Dann ist er mit diesem „Scheißhobel“ von Sprinter stundenlang auf der Suche nach einem geeigneten Gelände in der Gegend herumgefahren. Am Ende hat er sich noch einen Anschiss von einem Förster eingefangen. Nachdem der ihn hat laufen lassen, hat er in dem Sprinter die Sonnenblende abgerissen und sie aus dem Fenster geworfen.

„Die isch für dich, du Förschter vom Silberwald!“, hat er gebrüllt. 

Aber er hat auf diese Art einen sehr geeigneten Platz in der Nähe eines Wäldchens in Echterdingen gefunden. Heute früh hat er die Kinesen dahin zum Üben gebracht. Er selbst ist zum Grillplatz gefahren.

Dort angekommen hat er Nawin per Handy zum Starten aufgefordert. Nawin hat die Drohne aufsteigen lassen. Er hat sie in einem schönen weiten Bogen zum Zielgebiet gesteuert. Damit er das Ziel auch sicher findet, ist er ziemlich hoch geflogen. Er hat Angst vor diesem Kneller. In Thailand haben sie gesagt, der sei sehr nett, aber hier sieht das anders aus.

Die Piloten von easyJet-Flug EZY 7581 aus Porto staunten nicht schlecht, als ihnen kurz vor dem Aufsetzen am Flughafen Stuttgart um genau 10:41 Uhr eine Drohne begegnete. Die Drohne zischte etwa zehn Meter unterhalb des Backbordtriebwerks des Airbus A320-200 durch. Das ist von hinten aus gesehen das linke. Dabei kam sie massiv ins Trudeln. Da der Copilot die Landung durchführte, blickte der erschrockene Flugkapitän der Drohne kurz nach und entdeckte unten am Waldrand zwei Figuren. Dies teilten die Piloten nach der Landung dem Tower mit, der sofort die Polizei alarmierte. 

Bereits fünf Minuten danach waren zwei Streifenwagen unterwegs. Die fuhren stramm auf den Waldrand zu und sahen schon von Weitem zwei Gestalten auf der Wiese am Waldrand auf einen Punkt zu rennen, der, wie sich hinterher herausstellte, die Absturzstelle der Drohne war. Den Beamten kam noch ein dritter Streifenwagen zu Hilfe und so konnten sie zwei verängstigte thailändische Staatsbürger festnehmen und eine ziemlich ramponierte Drohne sicherstellen. Der eine der Thais sprach ein wenig Deutsch, in dem er darum flehte, nicht geschlagen zu werden. Sie hatten ihre Pässe bei sich, anhand derer man später feststellen konnte, dass die darin enthaltenen Visa gefälscht waren. Zudem stellte sich später heraus, dass die beiden Herren sich auf Einladung eines gewissen Wilfried Kneller in Deutschland befinden. 

Kneller hat derweil am Grillplatz gewartet. Nach einer gewissen Zeit hat er Trang angerufen und ohne Vorwarnung in das Handy reingebellt, wo die Scheißdrohne denn nun bleibe. Sehr verwundert war er darüber, dass ein Polizeiobermeister Häberle sich meldete und geistesgegenwärtig fragte, wo er sich denn befinde. Da ist dem Kneller ein „Fasanenhof“ entfleucht, das er gleich wieder schwer bereute. Da man annahm, er sei das Ziel des Drohnenfluges gewesen, kam nun auch noch Fliegen außerhalb der Sichtweite und weiter als 400 Meter vom Piloten entfernt auf die Liste. Die Frage, wer er denn sei, beantwortete er vorsichtshalber nicht mehr. Aber der POM Häberle ist schon einmal bei einer Razzia in Knellers Puff dabei gewesen und hat so die Stimme identifiziert.  

„Kneller, das sind doch Sie.“ 

Darauf schleuderte dieser sein iPhone 6 etwa 20 Meter weit weg. Leider landete es in einer Pfütze und war damit das, was der Schwabe als „he“, also als hin beziehungsweise kaputt bezeichnet. 

Man stattete ihm alsbald einen Besuch ab. Vorausgegangen war auf der Polizeiwache eine Diskussion darüber, wer von den Beamten dort hingehen müsste. Kneller hat schon öfter Polizisten so verprügelt, dass sie länger ins Krankenhaus mussten. Deswegen ist er auch schon fast eingesessen. Der Staatsanwalt hat das abgebogen. Ein Herr Berner übrigens. 

Das Thema wurde dahingehend gelöst, dass sich acht Polizisten auf den Weg machten, um den Kneller durch pure Mannschaftsstärke von irgendwelchen Kurzschlusshandlungen abzuhalten, für die er weithin bekannt war.

Als sie den Puff betreten, schreit Kneller: 

„Aha, die kleinen grünen Männchen.“ 

Es sind es eher kleine blaue Männchen und auch Frauchen. Manche Männchen sind auch gar nicht so klein.

„Herr Kneller, Sie haben ja mitbekommen, dass wir die zwei Herren aus Thailand festgenommen haben. Was haben Sie dazu zu sagen?“ 

„I sag gar nix. I wart auf meinen Anwalt.“ 

Das gestatten sie ihm, und nachdem dieser sehr schnell eingetroffen ist, können sie auch wieder gehen, denn dem Herrn Kneller könne man ja unmöglich zur Last legen, dass zwei Geschäftsleute aus Thailand illegal eingereist seien und gesetzeswidrige Drohnenflüge durchführten. Die beteiligten Polizisten machen säuerliche Gesichter, was auch wieder verständlich ist. 

So etwas passiert laufend. Kneller hat diese Thai-Kerlchen eingeladen und die sind ohne jeden Zweifel für ihn tätig. Da stellt sich diese Rotlichtgröße rotzfrech hin und erzählt, sein Name sei Hase. 

Der Polizei ist das Glück hold. Sie hat eine gebürtige Thai in ihren Reihen und die hat sich mit den beiden ausführlich unterhalten. Sie hat sie brav über ihre Rechte belehrt, was die zwei nicht verstanden haben, aber das war der Polizei im Moment egal. Vorgelesen ist vorgelesen und das auch noch in Landessprache. 

Die zwei haben alles erzählt, was sie wussten. Sie wollten möglichst schnell fort aus diesem schrecklichen Land und weg von diesem Kneller. In Thailand habe er ein großes Hotel. Er habe sie hergeholt, damit sie mit den Drohnen Geld transportieren. Welches Geld? Wüssten sie nicht. Aber sechs Mal hätten sie ein großes Bündel mit Geld bekommen. Vom Grillplatz. Sie können ihn sogar auf der Karte zeigen. Ob Kneller dabei gewesen sei? Ja, er habe Nawin sogar geschlagen. Aha, so bekommt sein Flehen, nicht geschlagen zu werden, eine Bedeutung. Ob sie die Aussagen unterschreiben würden. In thailändischer Schrift? Klar. Da kann man wieder sehen, welche Vorteile die Migration und die Integration heutzutage haben. 

Ohne diese Kollegin mit thailändischen Wurzeln hätten sie jetzt gar nichts. Ob das hilft, weiß man nicht. Am Ende entscheidet der Staatsanwalt. Der heißt in diesem Fall Berner, ist für die Buchstaben H bis M zuständig und oft sehr milde. Daher hat ihr Chef befohlen, den Kneller erst dann festzusetzen, wenn man ihn tatsächlich neben einer Leiche erwischen würde mit der Hand an dem Messer, das in der Leiche stecke. 

„Wir machen uns sonst lächerlich“, hat er gesagt.

Kneller sitzt immer noch im Puff und kocht. Jetzt hat er die Faxen mit diesen Scheißdrohnen dicke. Die zwei Kinesen werden sie vermutlich abschieben. Er geht davon aus, dass dank Berner nicht viel an ihm kleben bleibt. Aber er hat die Schwarzgeld-Daten ständig vor der Nase und kann im Moment nichts damit unternehmen. Das macht ihn wahnsinnig. So viel Geld. Er wird die Übergaben anders regeln. Kneller überlegt. Dabei kippt er seinen Stuhl nach hinten. Der ist schon etwas älter und knackt bedenklich. Da hat er was mit Olli gemein.

Um diesem Tag noch die Krönung aufzusetzen, hat ihm Bruno erzählt, dass dieser Maurer, dieser Freund von Olli, nicht aufzufinden sei. Laut Nachbarn sei er für längere Zeit in Australien. 

Und so greift Wilfried Kneller an diesem Abend verschärft zum teuren Cognac. 

 

 

Darth Vader

Kneller sitzt im Puff. Er wird das mit den Übergaben anders lösen. 

Er hat vor ein paar Tagen nach dem Genuss von zu viel Cognac mit dem Nachdenken aufgehört, aber am nächsten Morgen ist es besser gegangen. Ihm ist etwas eingefallen, was alle Probleme löst. Bingo. Er musste nur noch eine Möglichkeit finden, seine Stimme zu verzerren. Da gibt es so Computerzeugs, aber da muss man Sachen installieren, und das ist ihm alles zu kompliziert. Am Ende hat er im Internet was gefunden, was die Stimme stark verändert. Er muss vor Gebrauch nur seine Bürotür abschließen, weil das Scheißteil eine Darth-Vader-Maske mit Stimmverzerrung ist. 

Routiniert tätigt er seine sechs Anrufe mit dem Prepaid-Handy. Die Karte wird er nach Gebrauch wegwerfen.

Er lässt sich das Geld auf Konten von irgendwelchen Firmen mit Fantasienamen in Dubai oder in Singapur überweisen. Kurz danach ist das Konto verschwunden und das Geld ist weg. Das ist natürlich clever und der primitiven Bargeld-Methode von Olli deutlich überlegen. International ist er schon gut vernetzt, der Herr Kneller. 

Schon am Tag darauf sitzt Darth Vader wieder an seinem Schreibtisch. Auf der Liste, die er abarbeitet, kommen ihm viele Namen bekannt vor. 

Beim ersten Mal hat er vergessen, die Tür abzuschließen, und eine von den Nutten kam in sein Büro. Sie hat einen panischen Schrei abgelassen, als er mit der Maske auf dem Kopf in das Handy rein gequasselt hat. Er war versucht, zu ihr zu sagen: „Möge die Macht mit dir sein“, aber das ging gerade nicht, weil er in dem Augenblick: „Ische wille vonne die Swarzgeld in die Sweiz swanzisch Prosente“, sagen musste.

Nach dem zehnten Anruf findet er, das ganze sei mühsam. Wenn er als komplett geldgeiler Typ aber daran denkt, dass diese zehn Leute jetzt weit über eine Million überweisen, dann relativiert sich die Qual.

Das Hotel in Marokko ist so gut wie verkauft und mit den Leuten in der Domrep ist er so gut wie handelseinig. Er müsste dann noch ein wenig Spanisch lernen. Holt sich einen Cognac. Ist schon nach zwölf. Si claro. Er hat die richtigen Leute schmieren können. Kann bar bezahlen. Das sind vernünftige Leute da unten. 

Hierzulande wollen manche heute schon im Puff eine Quittung fürs Vögeln haben. Na dann wird er erst mal weiter telefonieren. Die Maske muss er ab und zu abnehmen, wird heiß darunter. 

In so einer Pause kommt ein Anruf auf sein Handy. 

„Berner.“ 

„Ach so, du. Was gibt es?“ 

„Wir müssen reden. Ich komme zu dir, jetzt gleich.“ Und schon hat er aufgelegt.

Kneller ist sauer. Er setzt die Maske wieder auf und macht weiter. Als es an seiner Tür klopft, hat er weitere zwölf geschafft und ist für heute zufrieden. 

„Herein.“ 

„Es ist was passiert.“ 

Berner hat sein Auto auf dem Hof abgestellt und ist vorsichtig reingeschlichen. Ständig hat er sich umgesehen. Kein Mensch darf ihn hier sehen. 

„Ich habe den Walzer getroffen. Zufällig. Auf der Königstraße.“ 

„So abgehackt, wie du sprichst, muss das ja schlimm sein.“ 

„Ist es auch. Er hat ein Video gesehen, auf dem man mich und den Massler beim Vögeln sieht. In dem Schwimmbad.“ 

Kneller zieht die Augenbrauen hoch. 

„Wie bitte?“ 

„Also du hast das gefilmt – oder?“ 

„Ja. Aber das Video hat kein Mensch außer mir.“ 

„Dann muss es dir jemand geklaut haben.“ 

„Des isch unmöglich. Es isch nur auf meinem PC.“ 

„Du wärst nicht der Erste, dem man den PC hackt. War der in letzter Zeit mal langsamer als normal?“ 

Kneller staunt. 

„Das stimmt.“

Dann wird er sauer. Er zweifelt alles an. Der Walzer erzähle nur irgendwas. 

„Wieso weiß er dann, dass ich es abwechselnd mit zweien gemacht habe?“ 

Kneller haut auf den Tisch. Davon fällt die Darth-Vader-Maske runter. Berner schaut sie fasziniert an. 

„Was machst du jetzt? Sexspielchen als Darth Vader verkleidet mit nix drunter unter der Kutte oder wie?“ 

Kneller sagt ihm, er habe keine Ahnung, wie das mit dem Video passiert sein könne, wenn es denn stimme. Dann schmeißt er ihn raus und schreit nach den Gorillas. 

„Ihr fahrt jetzt sofort zu diesem Walzer an den Bodensee. Zuerst checkt ihr, ob der den Olli versteckt hat. Wenn nicht, schnappt ihr euch seine Frau oder Freundin, diese Lena. Aber nehmt euch ein paar Tage Zeit und kundschaftet alles vorher sorgfältig aus.“

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Axel Ulrich Seehaldenstr. 21 CH 8265 Mammern

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